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Einen kühlen Kopf in Zeiten des Corona-Virus bewahren - Ein Brief aus Mailand

Einen kühlen Kopf in Zeiten des Corona-Virus bewahren - Ein Brief aus Mailand

Was tut it-sprachvermittler.de, während das Corona-Virus in Italien grassiert? Übersetzen. Was sonst. 🤓 Davide Parisi überträgt den berührenden Brief des Mailänder Schulleiters Domenico Squillace an seine Schülerinnen und Schüler aus dem Italienischen ins Deutsche – ein Plädoyer gegen Panik und für Menschlichkeit, mit einem starken Manzoni-Zitat zur Pest in Mailand 1630.

Italien im Lockdown – Antwort eines Schulleiters

Schulen in Italien sind geschlossen, mittlerweile zum Teil auch in Deutschland. Handlungsorientiertes Übersetzen als kleine Selbstheilung, um in die Normalität zurückzukehren – damit diese wieder in den Vordergrund und die aufgrund der modernen „Seuche” allgemein vorherrschende Hysterie in den Hintergrund rückt oder ganz schwindet.

Was tut der italienische Schulleiter eines aufgrund des Corona-Virus geschlossenen Mailänder Gymnasiums? Er beschließt, an seine Gymnasialschülerinnen und -schüler einen Brief zu schreiben, der am 25. Februar 2020 auf der Webseite des Alessandro-Volta-Gymnasiums veröffentlicht wird (siehe Quelle → Liceo Volta, Milano) und in den italienischen Medien die Runde macht.

it-sprachvermittler.de übersetzt den Brief vom Italienischen ins Deutsche – „im Kampf gegen die Vergiftung des sozialen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Miteinanderlebens.

Der Brief im Wortlaut (deutsche Übersetzung)

Brief vom 25. Februar 2020 an die Schülerinnen und Schüler

AN DIE SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER
DES ALESSANDRO-VOLTA-GYMNASIUMS
(Mailand, Italien)

„Die Seuche, die das Gesundheitsgericht befürchtet hatte – mit den alemannischen Truppen in das Mailänder Gebiet einzudringen –, war bekanntlich dort wirklich eingedrungen; und es ist ebenfalls bekannt, dass sie hier nicht Halt machte, sondern in einen guten Teil Italiens eindrang und ganze Landstriche entvölkerte …”

— Alessandro Manzoni, I promessi sposi, Kapitel 31

Das soeben erwähnte Zitat stammt aus dem 31. Kapitel des italienischen Romans „Die Brautleute” („I promessi sposi”) von Alessandro Manzoni: ein Kapitel, das zusammen mit dem folgenden ganz der Pestepidemie gewidmet ist, die 1630 in Mailand wütete. Es ist ein aufschlussreicher Text von außerordentlicher Modernität – ich schlage Euch vor, ihn sorgfältig zu lesen, besonders in diesen Tagen der allgemeinen Verwirrung.

Auf diesen Seiten ist bereits alles enthalten: die Gewissheit der Gefahr durch Ausländer, der harte Kampf zwischen den Behörden, die krampfhafte Suche nach dem sogenannten Patienten 0, die Verachtung der Fachleute, die Jagd nach den „Streuern” (Spreaders), die unkontrollierten Gerüchte, die absurdesten Heilmittel, die Plünderungen, der Gesundheitsnotstand …

Auf diesen Seiten werdet Ihr unter anderem auf Namen stoßen, die Ihr sicher aus den Straßen rund um unser Gymnasium kennt. Vergessen wir nicht: Unser Gymnasium wurde mitten im ehemaligen „Mailänder Seuchenkrankenhaus” („lazzaretto di Milano”) errichtet – Ludovico Settala, Alessandro Tadino, Felice Casati, um nur einige Straßennamen zu nennen. Kurz gesagt: Mehr noch als aus Manzonis Roman scheinen diese Worte aus den Seiten einer heutigen Zeitung zu stammen.

Liebe Schülerinnen und Schüler, es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles war schon einmal da, würde ich am liebsten sagen. Doch die Schließung unserer Schule verlangt, dass ich mich zu Wort melde. Unsere Schule gehört zu den Institutionen, die mit ihren festgelegten Ritualen den Zeitablauf sowie die geordnete Entfaltung des friedlichen Zusammenlebens prägen. Es ist kein Zufall, dass die Zwangsschließung der italienischen Schulen ein Mittel ist, auf das die Behörden nur in seltenen und wirklich außergewöhnlichen Fällen zurückgreifen.

Es ist nicht meine Aufgabe, die Angemessenheit der Maßnahme zu beurteilen – ich bin kein Experte und gebe auch nicht vor, einer zu sein. Ich respektiere und vertraue den italienischen Behörden und halte mich genauestens an ihre Anweisungen. Ich möchte Euch dennoch etwas sagen: bewahrt einen kühlen Kopf, lasst Euch nicht von der kollektiven Psychose mitreißen, damit wir mit den nötigen Vorsichtsmaßnahmen weiterhin ein normales Leben führen können.

Profitiert von diesen schulfreien Tagen, um einen Spaziergang zu machen, ein gutes Buch zu lesen. Es gibt keinen Grund, zuhause eingesperrt zu bleiben, wenn Ihr gesund seid. Es gibt auch keinen Grund, die Supermärkte und Apotheken zu stürmen: Atemschutzmasken sollten kranken Menschen vorbehalten sein – und nur diesen.

Die Geschwindigkeit, mit der sich eine Krankheit von einem Ende der Welt zum anderen verbreiten kann, ist ein Produkt unserer Zeit: Es gibt keine Mauern, die Seuchen aufhalten können. Vor Jahrhunderten verbreiteten sie sich ohnehin – nur ein wenig langsamer.

Wie Manzoni und vielleicht noch mehr Boccaccio uns lehren, ist eine der größten Gefahren bei solchen Ereignissen die Vergiftung des sozialen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Miteinanderlebens. Wenn wir uns von einem unsichtbaren Feind bedroht fühlen, verlangt unser Urinstinkt, diesen Feind überall zu sehen. Es besteht die Gefahr, alle Mitmenschen als Bedrohung, als potenziellen „Angreifer” zu betrachten.

Im Vergleich zu den Seuchen des 14. und 17. Jahrhunderts haben wir die moderne Medizin mit ihrem Fortschritt und ihren Gewissheiten auf unserer Seite. Wir sollten von unserem rationalen Denken Gebrauch machen, dessen direkter „Verwandter” unsere zwischenmenschlichen Beziehungen sind, unsere Menschlichkeit – diese ist nämlich das wertvollste Gut, das wir besitzen und bewahren sollten. Wenn wir das nicht schaffen, wird die Seuche wirklich siegen.

Ich erwarte Euch bald wieder in der Schule.

Domenico Squillace

— Ende der Übersetzung —

Der Schulleiter Domenico Squillace

Domenico Squillace, Schulleiter des Alessandro-Volta-Gymnasiums in Mailand
Domenico Squillace, Schulleiter des Alessandro-Volta-Gymnasiums in Mailand. Bildquelle: Liceo Volta, Milano.

Squillaces Brief wurde in den Tagen nach der Veröffentlichung in zahlreichen italienischen Tageszeitungen abgedruckt und in mehrere Sprachen übersetzt. Die deutsche Fassung auf dieser Seite stammt von it-sprachvermittler.de.

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